Kommentar zum SWR2-Zweiteiler „Schule? Nein!“„Wenn Freilerner-Eltern ihre Kinder vom Unterricht fernhalten“ vom 16.05.2018 und „Die Weltanschauungen der Freilerner-Eltern“ vom 17.05.2018 sowie dem dazugehörigen Interview bei SWR2 Tandem mit Dr. Hansjörg Hemminger „Freilerner und ihre Weltanschauungen“

Ein offener Brief, den ich auch per Mail am 20. Mai 2018 an die Redaktion von SWR2 Tandem gesendet habe:

Der erste Teil des Audio-Duos von Maximilian Klein lässt schon im Titel schlimmes befürchten „Wenn Freilerner-Eltern ihre Kinder vom Unterricht fernhalten“
Fernhalten?
Da liegt wohl ein grundlegendes Missverständnis vor.
Doch dazu gleich mehr.

Das anschließende, etwa 22-minütige Stück lässt grundsätzlich erst einmal aufatmen. So schlimm ist es gar nicht. Na gut: der Tonfall des Autoren ist vielleicht hier und da mal ein bisschen hämisch – das schlägt sich auch an Beispielen wie seinem bedauernswerten Schulkollegen Pietsch durch, den er nach über 20 Jahren gedanklich nochmal durch die Gänge seiner damaligen Schule rennen lässt, wo der übergewichtige Junge sich selbst dem Spott seiner Mitschüler und dem Tadel der Lehrer preis gibt, um neben viel Hohn und Ärger ein klitzekleines Fünkchen Anerkennung seiner Mitschüler zu gewinnen. Klein deutet es an – unter anderem mit seinen fünf Schulwechseln und seinen häufigen Rauswürfen aus dem Unterricht: Der Autor selbst gehörte wohl zu denjenigen, die sich gern mal auf Kosten des Selbstwertgefühls anderer amüsiert haben in der Schule.

Ja, die Häme ist immer mal wieder zu spüren. Auch mangelnde Empathie. Warum sonst würde ich meinen Interviewpartnern gezielt das Wort abschneiden, in dem ich mitten im Satz Musik über ihre Worte lege oder einzelne Worte verzerre und mehrfach wiederhallen lasse? Das ist mindestens einmal grob unhöflich, gerade wenn ich es mit einem Interviewpartner zu tun habe, der sich trotz großer Nervosität bereit erklärt, Einblicke in das Leben seiner Familie zu geben, sogar in ein Mikrofon zu sprechen, obwohl die gewählte Lebensweise in Deutschland nicht legal ist. Jene Einblicke in den Familienalltag werden aber interessanterweise kaum wiedergegeben. Gezielt werden die Sätze abgespielt, wo es heißt, dass man Vormittags leider ein bisschen darauf achten muss, sich nicht zu sehr in der Nachbarschaft zu zeigen (wozu sie durch die rechtliche Situation gedrängt sind und was ganz gewiss nicht freiwillig passiert) und dass man auch ein paar Menschen kennt, die der Reichsbürgerbewegung angehören. Dass die mutige Interview-Familie aus Baden-Württemberg ganz sicher nicht den Freemen oder Reichsbürgern angehören, auch nicht die eloquente 23-jährige Tabea Kratzenstein oder das Lehrer-Ehepaar Kern, dass weithin bekannt dafür ist, für das Selbstbestimmungsrecht junger Menschen einzutreten und ebenfalls nicht die 1.500 weiteren Besucher auf dem farbenfrohen, jahrmarktsmäßigen Schulfrei-Festival, sollte dem Autoren sicher klar geworden sein.

Das Bild, welches Klein von der Freilerner-Szene insgesamt zeichnet, ist aber nicht falsch. Sie ist bunt, sie ist heterogen. Hier Bürgerlich-Liberale, da Alternative und Esoterisch-Angehauchte. Redegewandte, junge Erwachsene und freche, lustige, lebensfrohe Kinder. Wo aber sind die armen, verzweifelten Kinder, die von ihren Eltern gegen ihren Willen der Schule fern gehalten werden? In Kleins Dossier tauchen sie nicht auf. Aus gutem Grund. Maximilian Klein hat in der Freilerner-Szene recherchiert. Jene Szene, die sich seit über 15 Jahren schon in Deutschland herausbildet, nach dem Vorbild der Unschooling-Szene in Großbritannien, Kanada und den USA, um das Selbstbestimmungsrecht junger Menschen auch in Bildungshinsicht zu vertreten. Diese Szene grenzt sich inhaltlich stark ab von der weltanschaulich motivierten Homeschooling-Szene, der vor allem religiös-Fundamentale und politisch Extreme angehören, die selbst bestimmen wollen, was ihre Kinder lernen. Eine Vernetzung und Vermischungen zwischen diesen Szenen gibt es praktisch kaum. Den einen sind Kinderrechte und Liberalismus wichtig. Den anderen Elternrechte und Autorität. Auf Seiten der Freilerner gibt es eine große Anzahl von Aktivisten, welche die Argumente der Homeschooler aufs schärfste verurteilen und unermüdlich daran arbeiten, diese wichtigen Unterschiede auch in der Öffentlichkeit herauszustellen. Bislang mit gutem Erfolg. Die Medienberichterstattung der letzten Jahre war voll mit gut recherchierten und differenzierten Beiträgen, in denen Freilerner-Familien durchweg sehr positiv wegkamen und die ein klares Bild zeichnen konnten: Sie unterschieden sich dramatisch von den üblichen Kreationisten, die sonst mit dem Thema in Erscheinung getreten sind und es ist eine Schande, dass in einem freiheitlich-demokratischen Land diese Menschen in der Illegalität leben müssen oder zum Auswandern gedrängt werden – da waren sich fast alle Journalisten einig. In der Welt, in der FAZ, im Tagesspiegel, im Deutschlandfunk, auf Arte – überall lautete es schon: „Heimunterricht muss erlaubt sein“, „zum Lernen braucht’s die Schule nicht“ und „Schulpflicht ade!“ In den dort zu findenden Familien-Portraits heißt es sehr oft, dass sich Kinder morgens immer wieder schreiend an Heizkörpern festgeklammert haben, um von den Eltern nicht in die Schule gebracht zu werden oder dass Eltern ihre Kinder strampelnd und weinend im Schlafanzug zur Schule getragen hätten, weshalb sie sich irgendwann fragten, warum sie das ihren Kindern eigentlich zumuten. Die sonst mit ihnen auf Augenhöhe waren und in der Familie betont demokratische Werte lebten. Nein! Hier ist es nicht angemessen, davon zu sprechen, dass Eltern ihre Kinder vom Unterricht fernhalten. Auch nicht aus der Gesellschaft. Erst recht nicht von Bildung. Dass es diese Bestrebungen in anderen Szenen gibt, ist ein Jammer. Die letzten, die so etwas gutheißen, sind die betont Kinderrechts-orientierten Freilerner. Wenn es eine gesetzliche Regelung gäbe, die Ausnahmen von der Schulpflicht ermöglichen würde und dabei das Wächteramt des Staates über das Wohl der Kinder weiter garantieren würde, zum Beispiel durch Registration und regelmäßige Besuche von sachkundigen Inspektoren, wären die Freilerner klare Befürworter.

Der Bericht von Max Klein ist nicht verkehrt, aber er streift oft haarscharf am Thema vorbei. Zudem haben sich bei genauerer Betrachtung einige grobe Fehler eingeschlichen. Wiederholt spricht er von Straftaten, wobei ein Nichtbesuch der Schule in den meisten deutschen Bundesländern lediglich eine Ordnungswidrigkeit darstellt. Fälle, in denen Kinder gezielt mit Privathebamme geboren werden, um nicht angemeldet zu sein, sind mir als namhafte Vertreterin der Szene – und ich kenne hunderte Freilerner-Familien persönlich – völlig unbekannt. So ein drastischer Schritt wäre auch überhaupt nicht nötig. Sich oder seine Kinder aus Deutschland abzumelden, ist jederzeit aus tatsächlichen oder auch nur vorgeschobenen Gründen problemlos möglich. Auch Freilerner nutzen diese Möglichkeit mitunter. Klein will hier bewusst dramatisieren, scheint mir. Und er nimmt es manchmal nicht so genau. Auch schon zu beobachten in seinem Beitrag im Deutschlandfunk vom November 2017, wo er die Freilerner noch durchgängig als No-Schooler bezeichnete, weil er meinte diesen Begriff als Selbstbezeichnung der Szene aufgeschnappt zu haben. Ein Begriff, der hier in Deutschland vollkommen ungebräuchlich ist. Die Transkription dieses Berichts im Archiv von Deutschland Funk hat er inzwischen geändert, nachdem er von Szene-Vertretern auf den Fehler aufmerksam gemacht wurde.

Aber Kleins Bericht ist wirklich kaum zu kritisieren, vergleicht man es mit dem unsäglichen! Machwerk von Thomas Klug am Folgetag. Alleine die Tonalität des Beitrags ist eine Zumutung. Überdehnung und Überbetonung, die an eine skurrile Vermischung aus Sendung mit der Maus und 90er Jahre Soap erinnern, bilden den billigen Rahmen für eine Aneinanderreihung halbgarer Information, wirrer Verdrehungen, aus dem Zusammenhang gerissener Interviewfragmente und polemischer Mutmaßungen. Nichts oder kaum etwas, was hier gesagt wird, passt zu dem, was wir in Kleins Sendung gehört haben. Eine zentrale Rolle spielt hierbei der Soziologe Christoph Lammers, dessen Interview maßgeblich das Informationsgerüst des Beitrags bildet. Man könnte denken, dass beide Männer sich in vollkommen unterschiedliche Welten aufgehalten haben und dennoch jetzt von Seiten der Redaktion versucht wird, diese als eine zu verkaufen.

Lammers Positionen sind dabei höchst verwunderlich. Es ist kaum zu begreifen, wie ein Mitarbeiter der Rosa Luxemburg-Stiftung und Chefredakteur einer religionskritischen und freidenkerischen Zeitung ernsthaft behaupten kann, die Schulpflicht sei eine Errungenschaft der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Tatsächlich war sie ein von oben befohlenes Konstrukt zur Herrschaftsfestigung im Zuge einer durch und durch konservativ-protestantischen und totalitären Herrschaft. Noch 1919 hat sich dieser Geist im Schulgesetz der jungen Weimarer Republik klar durchgeschlagen, um bestehende gesellschaftliche Verhältnisse zu zementieren. Auf diesem Gesetz fußt unser Schulsystem noch bis heute maßgeblich. Ein Schulsystem, das nachweislich Herkunftsverhältnisse wie kein zweites weltweit reproduziert. Das idealistische Lehrer zur Verzweiflung bringt und in den Burnout treibt, weil sie merken, dass die undemokratischen Grundlagen der Schule in keiner Weise mehr zu unseren heutigen gesellschaftlichen Überzeugungen von Demokratie und Freiheit passen.

Die Schule, eine Errungenschaft?
Eine Errungenschaft ist es, dass es heute immer mehr Eltern gibt, die einen gleichwürdigen Umgang mit ihren Kindern pflegen. Die sie nicht in ein autoritäres System zwingen wollen, gegen den erklärten Willen ihrer Töchter und Söhne. Die es Ernst nehmen, wenn ihre Kinder täglich über diffuse Bauschmerzen klagen, sich im Zimmer einschließen oder ganz offen erklären, dass sie sich in der Schule unwohl fühlen. Es ist eine progressive Avant Garde, die in ihrer durch und durch links-liberalen Attitüde inzwischen erkannt hat, dass das Jahrhunderte und Jahrtausende kultivierte Bild des verdorbenen, erziehungsbedürftigen Kindes eine Mär ist und die schon heute zu einem dramatisch-positiven Gesellschaftswandel beitragen. Mit die wichtigsten Vertreter auch, um der Handvoll evangelikal-fundamentalistischer Eltern den Boden zu entziehen, die es heute noch vereinzelt bei uns in Deutschland gibt und die meinen, es sei statthaft, Kinder in paternalistischer Weise zu indoktrinieren. Die sich selbst als Freilerner oder Unschooler bezeichnenden Menschen jedoch werden durch den Beitrag vollkommen diskreditiert und vergesellschaftet mit Menschen, die sich selbst niemals als Freilerner bezeichnen würden. Denen der gesamte liberale und kinderrechtsorientierte Habitus der Freilerner-Szene regelrecht zu wider ist. Auf einen Schlag zertrümmert die Sendereihe ein mühselig aufgebautes Szeneportrait, das durch unermüdliche Öffentlichkeitsarbeit in etlichen Medienberichten gerade erst eine differenziertere Betrachtung in der Öffentlichkeit erfahren konnte. Verunglimpft durch liederliche Recherche und unsaubere Darstellungen und Vermischungen seitens der SWR-Redaktion. Dabei ist es auch unsere Szene, die diese randseitigen und problematischen Strömungen von Schulpflichtgegnern regelmäßig benennt und immer wieder aufs schärfste kritisiert.

Fast lachen musste ich bei dem, mit gespielter Empörung seitens des Sprechers vorgetragenen Argumentes zur Entstehung von Parallelgesellschaft.
Dieses Argument hören Freilerner-Vertreter oft, doch selten wurde es dermaßen platt präsentiert: „Ein Ort, wo bestimmte Gruppen nur unter sich bleiben? Wo auf das Leben in Parallelgesellschaften vorbereitet wird?“
Liebe Redaktion, lieber Herr Klug, ist das nicht eine mustergültige Definition unseres Schulsystems? Ein Ort in dem junge Menschen systematisch aus der Gesellschaft gezogen werden, um zu einem Großteil des Tages, in einer Zwangsgemeinschaft mit anderen Kindern im exakt selben Alter und aus der exakt gleichen Wohngegend, zumeist auch aus dem gleichen soziokulturellen Hintergrund heraus, exakt vorgegebene Inhalte erlernen müssen, um sie damit dann auf eine Gesellschaft vorzubereiten, aus der wir sie zuvor aufwendig exkludieren. Ist es nicht vielleicht eher dieser Zustand, an dem unsere Gesellschaft heute krankt? Warum kaum mehr gesellschaftlicher Zusammenhalt zu spüren ist? Babys und Kleinkinder in der Frühbetreuung, Kinder und Jugendliche im Ganztag, Erwachsene im Vollzeiterwerb, Senioren im gleichnamigen Heim? Kann man sich als Gesellschaft steriler sortieren als auf diese Art? Wir als Freilerner entziehen uns nicht der Gesellschaft. Wir leben mitten darin. Wie oft erhalte ich freudige Kommentare von Seniorinnen , wenn sie uns am Vormittag im Park erleben, meine Kinder mit ihren Hunden herumtollen. Oder wie beglückt verwundert zeigen sich Familien mit Migrationshintergrund, wenn sie uns am Abend noch auf dem Spielplatz antreffen, wo unsere Kinder dann als bunte Truppe gemeinsame Abenteuer erleben. Wir als offensichtlich gut situierte, deutsche Mittelstandsfamilie, deren Kinder normalerweise doch um Sieben nach dem Sandmännchen ins Bett müssten. Wir sind regelmäßig in Museen, in der Bücherei, im Schwimmbad. Meine Kinder fahren mit ihren Rädern durch die Gegend, treffen Freunde, auch etliche Kinder, die zur Schule gehen.

Parallelgesellschaft?
Wir sollten uns einmal fragen, welche Konzepte wir da wie Sauerbier als vermeintliche Freiheit und als Gesellschaftsideal verkaufen wollen. Wenn es tatsächlich ein so erfolgreiches und beglückendes Konzept wäre, folgten die Menschen dann nicht auch, ohne dass man sie dazu zwingen müsste?

Aber lassen Sie uns mit der Analyse des Radioberichts weiter machen:
Lieber Herr Lammers, sie sprechen davon, dass es neben religiös-motivierten Freilernern (auf diese begriffliche Falschnutzung weise ich hier nochmals eindrücklich hin!) auch eine andere Gruppe von Schulverweigerern gibt. Ihrer Meinung nach, eine starke Minderheit, die sich wenig artikuliert. Auch nicht relevant ist als Forschungsgegenstand.
Mal davon abgesehen, SWR2, dass es eine konzeptionelle Vollniete ist, diese Beschreibung von Herrn Lammers, diesen einen Satz, durch ein drei-Minütiges Zitat von Ivan Illich auseinander zu reißen: Lieber Herr Lammers, hier artikuliert sich gerade eine Vertreterin dieser Gruppe. Ich bin empört über solche Geringschätzung. Zum einen bietet unsere Szene ein sehr ergiebiges Feld für Forschungen. Dazu gibt es bereits ganz hervorragende Arbeiten. Schauen sie sich einmal die Studien des britischen Bildungsforschers Alan Thomas an oder des amerikanischen Evolutionspsychologen Peter Gray. Zum anderen wäre es höchste Zeit, dass Forscher sich vermehrt der massiven Grundrechtsverletzung widmen, die sich junge Menschen in Deutschland gefallen lassen müssen. Glücklicherweise gibt es aktive Verbände wie den Bundesverband Natürlich lernen e.V., der wertvolle Öffentlichkeitsarbeit leistet oder die Freilerner-Solidargemeinschaft, die zum Beispiel in Zusammenarbeit mit der juristischen Fakultät der Universität Gießen dieses Jahr noch ein rechtswissenschaftliche Kolloquium veranstalten wird. An Fachliteratur finden sich inzwischen sicher drei Dutzend deutschsprachige Titel. Radio-, Fernseh- und Zeitungsberichte zu hunderten. Auch sonst mangelt es nicht an Präsenz: In Deutschland artikuliert sich die Freilerner-Szene zum Beispiel auch sehr professionell im Unerzogen Magazin des Leipziger tologo-Verlages, welches gut und gern die zehnfache Auflagenstärke erreicht, verglichen zum Beispiel mit Titeln wie „Materialien und Informationen zur Zeit.“
Aber vielleicht liegt auch hier der Hund begraben? Im Jahr 2018 noch einer Zeitschrift vorzustehen, welche die Aufklärung verteidigt, als sei diese ein zartes, kleines Pflänzchen, das von reaktionären, fundamental-religiösen Einflüssen jederzeit wieder verschüttet zu werden droht, kann den Blick für Größenordnungen verständlicher Weise trüben. Zahlenmäßig handelt es sich bei den tatsächlichen Freilernern übrigens um eine Szene mit geschätzt dreitausend Aktiven und sicherlich zehntausenden von Sympathisanten, die unter der gesetzlichen Lage in Deutschland leiden.
Ist das marginal? Irrelevant?

Sie wünschen sich, Herr Lammers, dass wir Freilerner in die Schulen reinkommen? Für sie ist es kein Grund zu sagen: „Die Antwort auf eine schlechte Schule, ist dass man sein Kind nicht mehr in die Schule schickt, weil ich glaube, die Antwort auf eine schlechte Schule ist eine gute Schule.“? Überaus zynisch! Die überwältigende Mehrheit von Kindern der Freilerner-Bewegung hat eine Schule besucht und sich aus jeweils persönlichen Gründen schließlich dagegen entschieden, dies weiter zu tun. Mitunter durch Ausdruck höchster Pein, wie ich weiter oben bereits ausführte. Ihre Eltern haben sie in diesem Wunsch gehört, die Verantwortung für das Wohl ihrer Kinder ernstgenommen, und (er)tragen nun die Konsequenzen. Ein weiterer großer Teil, besucht die Schule nach wie vor und zwar leidend und verbittert, hat aber keine Wahlmöglichkeit, zum Beispiel bei Kindern alleinerziehender Eltern mit opponierendem Elternteil, wo ein Fernbleiben von der Schule mit einem unweigerlichen Sorgerechtsentzug bestraft würde. Einige Eltern versuchen auch freie Alternativschulen mit freilern-ähnlichen Bedingungen zu gründen. Gründungsinitiativen gibt es gerade zu hunderten, weil die bereits bestehenden freien Alternativ-Schulen keine Aufnahme-Kapazitäten mehr haben, ob der großen Nachfrage. Diese Initiativen werden aber allzu oft behindert, ausgebremst oder abgelehnt von Schulbehörden oder in Beschlag genommen von konservativen Eltern, welche die Privatschule irgendwann kapern, um dort einen elitäreren Kurs mit mehr Leistungsdruck durchzusetzen.

Unseren Gesprächs-Beitrag für einen Schul- und Gesellschaftswandel leisten wir gern und bereits sehr rege. Und zwar genau da wo wir stehen – in der Mitte der Gesellschaft. Wir sind kein Randphänomen. Wir sind viele. Wir werden immer mehr. Ich kann kaum glauben, dass Sie uns bisher nicht haben ausmachen können. Anstatt unter Pseudonym in irgendwelchen Internet-Foren zu recherchieren, können Sie uns auch gern einmal leibhaftig kennen lernen. Eines der vielen offen-beworbenen Freilerner-Treffen in Deutschland besuchen. Ich lade Sie zum Beispiel herzlich gern zu uns nach NRW ein, wo ich selbst die meisten Treffen organisiere. Lernen Sie uns kennen und sehen Sie selbst, wie falsch Sie liegen.
Wenn Sie wollen, dass wir uns in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen, dann geben Sie uns dafür Raum und walzen Sie uns nicht platt stattdessen. Und recherchieren Sie bitte sauber.

Eigentlich wollte ich all diese Kritik hier noch viel schärfer formulieren. Zumal wenn ich mir vorstelle, dass zum Beispiel meine Schwiegermutter oder entferntere Bekannte, bei denen es mitunter schwer genug ist, Akzeptanz für unser besonderes Lebensmodell gewinnen zu können, sich nun wundern, warum dieser weltoffene Lebensstil plötzlich in einem großen, öffentlich-rechtlichen Medium als sektiererische Abschottung dargestellt wird. Das Interview mit Dr. Hemminger aber von Donnerstag-Abend hat mich milder gestimmt. Seine differenzierte Darstellung hat mir gezeigt, dass er sich zumindest eingehend mit allen Facetten rund um schulfreie Bildung und den dahinterstehenden Motivationen beschäftigt zu haben scheint. Seine Szenenbeschreibungen empfand ich als einzige wirklich zutreffend. Auch er schätzt, wie Lammers die Zahlenverhältnisse zwischen Freilernern und Homeschoolern meines Erachtens nach falsch ein, aber auch bei ihm habe ich dafür Verständnis, weil er Aufgrund seiner Arbeit selbstverständlich mit der religiös-motivierten Variante viel stärker in Kontakt kommt. Sein Beitrag jedenfalls hat mir gefallen und es freut mich, dass er an einem Diskurs interessiert ist. So hat die gesamte Sendereihe, die mittelmäßig startete, dann einen monströs-qualitativen Ausreißer nach unten lieferte, schließlich noch ein einigermaßen versöhnliches Ende gefunden. Schade dass die Erkenntnisse von Herrn Henninger nicht stärkeren Einfluss in die beiden Feature-Teile vorab gefunden haben. Die Redaktion hat hier insgesamt ein sehr unlogisches, Teils widersprüchliches und teils vollkommen redundantes Gesamtwerk präsentiert, obwohl bei derartig viel bereitgestellter Sendezeit eigentlich sehr locker ein rundes und ausgewogenes Gesamtbild möglich gewesen wäre. Schade, dass das hier nicht geklappt hat. Ich würde es begrüßen, wenn SWR2 noch einmal Raum bietet, um das falsch vermittelte Bild zu korrigieren und zu ergänzen. Die tatsächlichen Gründe, die Menschen zu Freilernen machen, sind von so hoher gesellschaftlicher, politischer und rechtlicher Relevanz, dass derartige Formate genutzt werden sollten, um den gesellschaftlichen Diskurs darüber zu entfachen und nicht, um sie als Randnotiz mit vom Tisch zu wischen, zu Unrecht vergesellschaftet mit Menschen, die exakt konträre Positionen beziehen.

Es grüßt herzlich Stefanie Weisgerber,
Mutter von zwei Freilerner-Kindern und
Betreiberin der Webseite www.freilerner-kompass.de
kontakt@freilerner-kompass.de

P.S.: Wer ebenfalls gern einen Kommentar an SWR2 senden möchte, erreicht die Redaktion über diesen Link hier oder direkt per Mail unter tandem@swr.de

P.P.S.: Wer diesen offenen Brief hier teilen möchte, hat dazu meine ausdrückliche und herzliche Erlaubnis.

 

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4 Comments

  1. Thomas D.

    Zuerst: Glückwunsch für den guten Kommentar.

    Wir sind eine Familie mit 4 Kindern. Beide Eltern Akademiker mit gutem Verdienst. Kein religiöser Hintergrund. Gesellschaftlich super integriert mit vielen Freunden aus unterschiedlichen sozialen Schichten.

    Unsere älteste Tochter hat nach der normalen Einschulung dermaßen gelitten, dass wir sie nach einigen Monaten wieder aus der Schule genommen haben und es nach einer Pause nochmal versuchen wollten.. Jegliche Versuche, mit der Schule eine Zusammenarbeit zustande zu bekommen, sind am Widerstand der Schule gescheitert („Es herrscht Schulpflicht! Ausnahmen oder Aufweichungen gibts nicht!“).
    Nachdem schließlich das Jugendamt vor der Tür stand, sind wir nach Österreich „geflohen“.

    Das Beispiel zeigt: Die Abgrenzung „der Freilerner“ kommt hier nicht durch sie selbst, sondern durch die Zwänge der Gesellschaft! Natürlich fehlt Freilernerkindern die soziale Integration (das Hauptargument der Gegner), wenn die Gesellschaft alle Kinder wegsperrt und somit Vormittags auf dem Spielplatz komplette Leere herrscht.

    Die Schlupflicht schafft damit ihre eigene Legimitation!

    • Stefanie Weisgerber

      Danke, Thomas, dass ihr eure Geschichte teilt. Traurig, dass ihr euch gezwungen gesehen habt, euer Zuhause zu verlassen. Inzwischen habe ich schon sehr oft von verständnisvollen und zugewanden Jugendamtsmitarbeiter gehört, die Freilerner-Familien umfassend unterstützen, aber leider ist das bis heute immer noch ein bisschen Glückssache. Soziale Kontakte kann man auch als Freilerner in Deutschland tatsächlich in Hülle und Fülle haben, aber ich verstehe, was du meinst. An manchen Tagen kann das schon aufwendig sein, wenn die meisten Kinder unter der Woche nicht verfügbar sind. Bei uns wird es zum Glück gerade immer einfacher. Ich wünsche mir sehr, dass das für immer mehr Freilerner-Familien gilt.
      Und euch wünsche ich ein glückliches und erfülltes Leben – ob in Österreich oder vielleicht irgendwann wieder zurück in Deutschland.

  2. Bjorn Michael

    Liebe Stefanie,

    wieder mal danke für deine wunderbare Arbeit mit diesem Beitrag.
    Obwohl wir in Großbritannien leben und im Moment keine Probleme mit dem deutschen Schulsystem haben, hat es uns doch einige Zeit gekostet, bis wir den Entschluss getroffen haben unsere Tochter aus der Schule hier zu nehmen. Das hat auch sicher mit den deutschen Einflüssen zu tun. Wir haben nicht einmal darüber nachgedacht, dass die Option des Freilernens überhaupt bestehen könnte.

    Obwohl die Lehrer und Schulleitung wirklich viel für uns versucht haben, waren die negativen Dinge letztlich für das Wohlbefinden unserer Tochter überwiegend.

    Und jetzt kommt es: Wir hatten ja bisher mit Wiederstand und Unverständnis gerechnet, aber ausgerechnet die ehemalige Klassenlehrerin unserer Kleinen meinte: “Sie verschwendet in der Schule sowieso nur viel zu viel Zeit” und nannte einige Beispiele weshalb sie unsere Entscheidung vom Herzen unterstützt.
    Auch von der Familienseite gab es bisher durchaus positive Reaktionen und Unterstützung.

    Dass wir dieses Schritt jetzt gegangen sind, hat auch mit deiner Arbeit für die Freilernerzsene in Deutschland zu tun. Danke, für deine Aufklärung, danke für deine weitreichenden Einblicke in Möglichkeiten und deinen Einsatz für Veränderung in Deutschland

    • Stefanie Weisgerber

      Danke lieber Björn. Es freut mich sehr, dass ihr für euch einen passenden Entschluss fassen konntet. Ich bin sehr gespannt, wie es bei euch weiter geht. Herzlich liebe Grüße
      Stefanie

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