Am heutigen 8. November 2018 starb eine junge Frau in Halle Sachsen-Anhalt, nach einem Sturz vom Balkon, weil Polizisten sie in den Jugendarrest verbringen wollten. Der Grund: Schulverweigerung.

Ein schrecklicher, tragischer, sinnloser Tod, der nur auf Basis einer schreiend ungerechten Gesetzeslage passieren konnte. Jedes Jahr werden in Deutschland über zehntausend Kinder in Jugendarrest verbracht. Ein großer Teil davon wegen Schulpflichtverletzung. Viele hundert Schüler nehmen sich jedes Jahr das Leben.
Damit muss Schluss sein! Diese Ungerechtigkeit, darf nicht weiter fortbestehen. Wenn ein junger Mensch sich aus freiem Willen heraus gegen den Schulbesuch entscheidet, ist das unbedingt zu akzeptieren!

Deutschland gehört zu den wenigen Ländern, die praktisch keine Ausnahmen von der Schulpflicht zulassen. Dabei gibt es immer mehr ernst zunehmende Stimmen, die nicht nur das rigide deutsche Zwangssystem kritisieren, sondern auch plausibel darlegen, wie gedeihlich junge Menschen auch ohne einen Schulbesuch aufwachsen können. Was für ein erbärmliches Schulsystem, das junge Menschen nicht dadurch gewinnen kann, dass es lernwilligen Kindern (was alle Menschen von Natur aus sind) auf interessante und potentialfördernde Weise Wissen zu vermitteln versucht, sondern das sie durch Zwang, Bußgelder, polizeiliche Zuführung und schlimmstenfalls durch Freiheitsentzug an sich binden will.

Ich fordere daher alle 16 Schulministerien der deutschen Bundesländer und alle Schulämter auf: Unterlasst die Repressalien ab sofort! Weicht die Schulpflicht auf! Öffnet euch den Schulkritikern und tretet in den Dialog. Erarbeitet gemeinsam mit den immer zahlreicher werdenden Befürwortern einer freien, selbstbestimmten Bildung ein Konzept, nach dem jeder Mensch sich nach seiner Neigung individuell bilden darf.

Kein Kind soll mehr leiden auf Grund von Schulzwang!
Wer immer mag, darf diesen Aufruf teilen und in seinem Namen unterzeichnen.

Meine Gedanken sind bei der bedauernswerten jungen Frau, die nun tot ist, und ihrer Familie. Ich wünsche mir, dass sie die letzten Opfer eines vollkommen ungerechten und überholten Gesetzes waren und dass dieser schrecklich Tod, so sinnlos er auch ist, zumindest dazu beiträgt, dass eine sofortige Änderung eintritt.

Grevenbroich am 8. November 2018
Stefanie Weisgerber

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Kolloquium der Freilerner-Solidargemeinschaft am 19. Oktober 2018 in Gießen

16 Comments

  1. Andrea S

    Den Tod eines Jungen Menschen für die eigene, noch so elde Sache ausschlachten wollen ist ekelhaft. *hier kotzenden Smilie einfügen*

    • Stefanie Weisgerber

      Hallo Andrea,

      ich möchte hier nichts ausschlachten. Ich möchte verhindern, dass so etwa je wieder einem anderen Kind passiert und ich möchte verhindern, dass junge Menschen generell unter derartigen Repressionen leiden müssen. Das daraus resultierende Leid ist gewaltig. Dieses geballte Leid können du und ich gar nicht ermessen. Du kannst es verwerflich finden, dass ich dagegen aufstehe. Ich finde es hingegen bitter nötig!

      • Andrea S

        Dann tu das doch bitte mit Sachargumenten und nicht mit unsachlicher Emotionalisierung auf Basis von 3 1/2 Zeitungsartikeln.

        So wenig ein von geflüchtetem getöter Mensch an Zuwanderung stirbt, so wenig ist das Mädchen aus Halle an Schulgesetzen gestorben!

    • Hermann Sutthoff

      Ich stimme zu, der Freitod eines Menschen sollte nicht instrumentalisiert werden. Und wer schon länger in den USA war, hat dort die Folgen vom Homeschooling gesehen, sie sind oftmals verheerend. Die Wahrheit ist, dass nur wenige Eltern / freie Dozenten adäquaten Unterricht geben können und die soziale Komponente der Mitschüler*innen an allen Ecken fehlt. In Deutschland würde es zudem heißen, dass viele Kinder im alleinigen geistigen Kosmos AfD / Reichbürger / religiösem Extremismus aufwachsen müssten.

      • Stefanie Weisgerber

        Danke für Ihren Kommentar. Ich komme gerade leider nicht dazu, Ihnen zum Thema zu antworten, werde dies aber in ausführlicher Form im Laufe des Sonntags nachholen.

      • Samantha

        Die Folgen des Homeschoolings in der USA sind verherend? Also das Universitäten und Firmen (darunter google) bevorzugt homeschooling Kinder nehmen, weil diese entusiastischer sind, die wahrscheinlichkeit abzubrechen geringer ist und sie fähig sind selbstständig zu lernen, sind verherende Folgen?

    • Peter

      Sehr geehrte Frau S.,

      ich bin entsetzt über Ihren Kommentar. Die Autorin verteidigt und vertritt genau die Sache der „jungen“ Frau (jung genug, um bevormundet zu werden – alt genug, um für ihre Handlungen ins Gefängnis geworfen zu werden). Sie hingegen versuchen mit Ihrem Pietätsaufruf, die Diskussion über das, was uns die Frau mit ihrem Tod auf entsetzliche Weise klar gemacht hat, abzuwürgen. Sie wollen diese verzweifelte Stimme, die sich nicht mehr selbst erheben kann, zum Schweigen bringen. Ich werfe Ihnen genau das vor, was Sie der Autorin vorwerfen.

      Meine Schwester hat sich mit 19 Jahren das das Leben genommen. Ich habe sie vorher nie verstanden und war mit ihr nicht einer Meinung. Doch an diesem Tag war eines für mich klar: Sie hat sich mit ihrer Verzweiflungstat das bedingungslose Recht erwirkt, dass wir ihre Sache ernst nehmen. Was auch immer es war, was sie dazu bewegt hat – meine Pflicht war es, das nach bestem Gewissen zu ergründen und mich wenigstens nachträglich uneingeschränkt auf ihre Seite zu stellen. Das nenne ich Pietät. Nicht den Mantel des Schweigens, um selbst den leisen Nachhall dieses verzweifelten Schreis noch abzudämpfen und das ohnehin nur noch schwache Licht, das von ihm bleibt, auszulöschen.

  2. Stefanie Weisgerber

    Ein sehr nachdenklich stimmender und lesenswerter Beitrag, ebenfalls zum Tod der jungen Frau aus Halle von Angela Schickhoff:
    http://www.schule-ist-kein-naturgesetz.de/2018/11/08/der-tod-einer-schuelerin-unser-extremistisches-schulsystem/

  3. Mit grosser Bestürzung und tiefer Trauer haben wir die Nachricht vom Tod dieser jungen Freilernerin gehört.
    Ich sehe, wie unsere Kinder wunderbar sich entwickelt haben, was im normalen Schulsystem nicht möglich gewesen wäre. Sie gehören heute in verschiedenen Gebieten zu den Weltbesten, und haben ihre Allgemeinbildung auch nicht vernachlässigt. Ihre Spitzenleistungen wären inkompatibel gewesen mit einem regelmässigen Schulbesuch.
    Es darf nicht mehr passieren, dass die Kinder zum Spielball von veralteten Gesetzen und Einzelinteressen werden (auch der Staat vertritt hier ein “Einzelinteresse”.

    Der Tod der jungen Freilernerin darf nicht einfach vergessen werden. Ihr Tod soll Denkanstoss sein, dass die Freiheit jedes Einzelnen unveräusserbar ist!

    Wenn die Behörden schon von Schulbildung reden, sollten sie Kant lesen, dessen Philosophie eine klare Sprache redet: der Mensch darf nicht verzweckt werden!

    • Roswitha

      Hallo peter,

      danke für Deinen berührenden Kommentar.
      Würde sehr gern mit Dir in Austausch zu Deinen Kindern treten.

    • Peter

      Peter, ich möchte dir Kant ausreden. Er ist der Vater all dieses Wahnsinns, der in Deutschland vorgeht, und ist auf die Fahnen all derer aufgemalt, die hier bestimmen. Kant war der Ansicht, jedes Gesetz müsse ausnahmslos so betrachtet werden, als wäre es von Gott selbst erlassen. Er erkannte keine Ausnahmen an, auch nicht wenn es um Menschenrechte geht.

  4. Andrea S

    Sollte das “nicht verzwecken” nicht auch für den Tod eines Menschen gelten?

  5. Nicole

    Der Tod des Mädchens ist sehr tragisch! Mein Beileid an die Hinterbliebenen.
    Die Schulgesetze bezüglich Jugendarrest oä sollten dringend geändert werden.
    Schwer finde ich allerdings zu unterscheiden zwischen Freilerner und “Ich-hab-kein-Bock-auf-schule Teenie.

    • Stefanie Weisgerber

      Ich denke, dass eine Null-Bock-auf-Schule-Haltung immer draus resultiert, dass sich ein junger Mensch an seiner Schule nicht wohl fühlt und dort keine guten Bedingungen vorfindet. Auch das verdient Gehör und auch junge Menschen mit problematischem Hintergrund sollten das recht haben, Nein zu sagen.

  6. Stefanie Weisgerber

    Angela Schickhoff bezieht in einem Blogbeitrag Stellung zu einem Artikel von mdr.de. Die dort interviewte Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychatrie in Halle, Manuela Elz, erklärt dass es für sie eindeutig einen Krankheitswert habe, wenn Kinder längerfristig die Schule vermeiden.
    Angela zieht in ihrem Blog den treffenden wie furchtbaren Vergleich mit Drapetomanie. Einem pseudowissenschaftlichen und rassistischen Krankheitsbild des 19. Jahrhunderts als welches der Fluchtdrang von Sklaven angesehen wurde.
    Hier ist der sehr lesenswerte Text von Angela:
    http://www.schule-ist-kein-naturgesetz.de/2018/11/13/dritte-runde-antwort-auf-einen-artikel-des-mdr-sachsen-anhalt-jugendarrest-fuer-schulschwaenzer-dann-sind-schon-einige-zuege-abgefahren/#comment-46

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